INTERVIEW: TAKKT AG

24.01.2017
TAKKT-Manager Peter Bruhn: „Voneinander lernen, indem wir uns vernetzen“
Peter Bruhn: „Voneinander lernen, indem wir uns vernetzen“

Peter Bruhn: „Im stillen Kämmerlein zu tüfteln, trifft heute nicht mehr den Nerv unserer Zeit“

Ein herausragendes B2B-Kundenerlebnis schaffen. Den E-Commerce-Anteil erhöhen. Und mit „Web-focussed“ Töchtern wie KAISER+KRAFT oder Ratioform organisch wachsen: Peter Bruhn, Director Digital Transformation des international tätigen B2B-Distanzhändlers TAKKT AG, erläutert seine digitale Agenda.

Die TAKKT AG hat es sich auf die Fahne geschrieben, das E-Commerce-Geschäft bis 2020 zu verdoppeln und in Organisation und Technik zu investieren. Welche Schritte werden Sie dazu unternehmen?

Peter Bruhn: Wir schaffen ein außergewöhnliches Kundenerlebnis, bei dem Prozesse digital, einfach und bequem sind – von der Beratung über das Procurement bis hin zur Fakturierung. Dazu werden wir bis 2020 bis zu 50 Millionen Euro in unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und in neue Technologien investieren.

Die TAKKT AG ist zu gleichen Teilen in Europa und den USA aktiv. Welchen Einfluss hat die Internationalisierung auf Ihr Digitalgeschäft – und umgekehrt?

Bruhn: Unsere Gesellschaften und Marken wie KAISER+KRAFT oder Ratioform in Europa agieren bewusst eigenständig am Markt – mit ganz eigenen Stammkunden, Märkten, Prozessen und Systemen. Indem wir uns vernetzen und Erfahrungen austauschen, erhalten wir die Chance, voneinander zu lernen. Häufig gelangen beispielsweise neue Trends im Online-Marketing über die USA zu uns nach Europa.

„Unsere Arbeitshypothese: Wie bringen wir unsere Organisation dahin, dass wir unsere Erfahrungen über Abteilungen und Tochterunternehmen hinweg teilen und das gemeinsame Wissen kultivieren“

Und umgekehrt?

Bruhn: Die digitale Vernetzung hilft uns, dass unsere US-Kollegen von jahrzehntelanger Erfahrung in Europa bei Themen wie Lager und Logistik oder Import einfach profitieren können. Für den Wissenstransfer in beide Richtungen gilt indes: Auch wenn nicht alles, was im einen Markt funktioniert, auch im anderen adaptierbar ist, testen wir viel – bis etwa ein neuer Prozess im jeweils anderen Markt auch perfekt funktioniert.

Worauf kommt es an?

Bruhn: Dies muss immer agil und iterativ laufen. Drei Jahre im stillen Kämmerlein zu tüfteln, trifft heute nicht mehr den Nerv unserer Zeit. Unsere Arbeitshypothese muss daher lauten: Wie bringen wir unsere Organisation dahin, dass wir unsere Erfahrungen über Abteilungen und Tochterunternehmen hinweg teilen und das gemeinsame Wissen kultivieren.

„Wir wollen dich mitnehmen auf die digitale Reise, weil wir mit dir wachsen möchten“

Wie gut klappt das?

Bruhn: Viele aufgeschlossene Mitarbeiter kommen von selbst zu mir und suchen innerhalb der Gesamtorganisation einen Sparring-Partner, etwa um mehr über Tools oder den Kundenlebenszyklus zu lernen. Kulturell ist das ein Geben und Nehmen. Wir unterstützen den Austausch mittels digitaler Kollaborations-Tools genauso wie den persönlichen Austausch beispielsweise durch unser neues internationales Trainee-Programm „Digital Entrepreneurship“. Beides senkt die Hemmschwelle, Fragen organisations-, abteilungs- und hierarchieübergreifend zu stellen. So erfährt der Vorstand schneller von guten Ideen aller Mitarbeiter.

Welches sind Ihre wichtigsten Erkenntnisse, die Sie bislang aus der Digitalisierung der TAKKT AG gezogen haben?

Bruhn: Wir müssen darauf achten, alle mitzunehmen – vor allem auch Mitarbeiter, die nicht mit dem iPhone groß geworden sind. Wir müssen Skepsis zerstreuen und positive Mitarbeitererlebnisse schaffen, nach dem Motto: „Wir wollen dich mitnehmen auf die digitale Reise, weil wir mit dir wachsen möchten“. Indem wir vermitteln und motivieren, erhalten wir auch die Grundlage dafür, als Gesamtorganisation und auf allen Ebenen über neue Geschäftsmodelle und positive Kundenerlebnisse nachzudenken.

Was verursacht Ihnen digitale Schmerzen?

Bruhn: Keine zentrale IT zu haben, stellt durchaus eine Herausforderung dar. Immerhin agieren unsere Portfoliogesellschaften eigenständig in ihren jeweiligen Märkten. Alle Gesellschaften sollen auch unterschiedliche Dinge ausprobieren. Ich möchte sie nicht vereinheitlichen. Das würde uns beschränken.

„Erarbeiten Sie sich Ihre digitale Transformation – indem Sie Ihre komplette Führungsriege gemeinsam zu einer führenden Business School schicken“

Welche Testkultur pflegen Sie im Unternehmen?

Bruhn: Wir unterscheiden sehr genau: Print-Kataloge mit Fehlern sind genauso wenig tolerierbar wie mangelhafte Produkte oder Lieferverzögerungen. Verbesserungen im Online-Shop hingegen entstehen, indem wir unterschiedliche Varianten der Webseite intensiv testen. Und bei neuen Produkten und Diensten erstellen wir frühzeitig ein „Minimal Viable Product“, welches wir im Dialog mit unseren Kunden Schritt für Schritt testen, optimieren und bei Erfolg im Markt einführen.

Welchen Rat geben Sie B2B-Unternehmen beim Einstieg in den digitalen Wandel mit?

Bruhn: Nehmen Sie das Thema ernst und verankern Sie es auf Management-Ebene, damit die Führung es versteht und vorlebt. So kann beispielsweise eine Prototyping-Übung auf Papier in einem Management-Workshop sehr wirkungsvoll sein. Und vor allem: Sorgen Sie für ein gemeinsames Verständnis: Erarbeiten Sie sich Ihre digitale Transformation – etwa indem Sie Ihre komplette Führungsriege eine Woche lang gemeinsam zu einer führenden Business School schicken. Wir haben 2016 für unsere 50 Top-Führungskräfte das einwöchige, individuell zugeschnittene Programm „Driving Digital Transformation“ an der IESE Business School in Barcelona durchgeführt. Dies war sehr erfolgreich. Denn eines ist sicher: Am Ende sprechen alle dieselbe Sprache.

„Es ist ein Unterschied, ob Sie ein standardisiertes Produkt möglichst preisgünstig kaufen oder ein Lager oder Bürogebäude entsprechend Ihrem Bedarf passend ausstatten wollen“

Wie bewerten Sie die Aktivitäten des B2B-Marktplatzes von Amazon und wie stellt sich Ihr Unternehmen darauf ein?

Bruhn: Amazon verfolgt mit Amazon Business als transaktionsorientierte Plattform einen anderen Ansatz als die TAKKT-Gesellschaften, die als Mehrwert-Partner mit hohem Service-Level auch kundenindividuelle Beratung und maßgeschneiderte Produkte und Lösungen anbieten können. Es ist ein Unterschied, ob Sie ein standardisiertes Produkt möglichst preisgünstig kaufen oder ein Lager oder Bürogebäude entsprechend Ihrem Bedarf passend ausstatten wollen. Somit ergibt sich eine klare Differenzierung im Wettbewerb. Indes nutzen einige unserer Vertriebsmarken Amazon als zusätzlichen Vertriebskanal.

Das Interview führte Kristina Schreiber

Event-Tipp

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Peter Bruhn diskutiert auf dem Digital Advisory Board Summit am 1. Februar 2017 in Hamburg zusammen mit Paul Jozefak (Otto Group Digital Services und Liquid Labs), Astrid Maier (Wirtschaftswoche), Tina Egolf (Clue) und Dr. Stefan Krummaker (Queen Mary University of London) auf dem gleichnamigen Panel über „New Work – Wie erschafft man eine Unternehmenskultur für den digitalen Wandel“.

Über das Trainee-Programm „Digital Entrepreneurship“ der TAKKT AG

Mit dem internationalen Traineeprogramm „Digital Entrepreneurship“ will die TAKKT AG „Digital Leaders der Zukunft selbst ausbilden“, skizziert Peter Bruhn. Beim 18-monatigen globalen Trendprogramm rotieren junge Talente durch mindestens vier Stationen innerhalb der internationalen Firmengruppe – etwa in den Bereichen Sales, Warenwirtschaft, Online-Marketing, E-Commerce und den digitalen Units bzw. Start-ups. Auf der Agenda stehen nicht nur mindestens vier Auslandsmonate, etwas in den USA, Großbritannien oder Spanien. Sondern auch eine einwöchige Tour durch das Silicon Valley. Daneben legt TAKKT viel Wert auf Coachings u.a. zu Design Thinking, Lean Startups, agilen Arbeitsmethoden und Prototyping. Außerdem bekommt jeder Trainee einen persönlichen Mentor.

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