Interview

29.11.2018
VR-Brillen ermöglichen es, in virtuelle Welten einzutauchen
Quelle: unsplash.com/Lucrezia Camelos
VR-Brillen ermöglichen es, eine alternative Realität zu erleben

VR und AR im B2B-Marketing: Durch Visualisierung bleibende Eindrücke hinterlassen

[Lesezeit: 5-7 Minuten] VR- und AR-Technologien ermöglichen es, den Kunden komplexe Produkte und Prozesse eindrucksvoll vorzustellen. Nancy Fürst, Head of Marketing der Max Bögl Wind AG, erzählt im Interview, wie ihr Unternehmen VR-Projekte erfolgreich aufsetzt und die Technologie bei Präsentationen einsetzt.

Die große Schwierigkeit, vor der viele B2B-Unternehmen stehen, ist die kurze, leicht verständliche Vermittlung ihrer Arbeitsprozesse. Komplexe Produkte und abstrakte Vorgänge sind selbst Kunden vom Fach nur schwer zu vermitteln, ohne dabei Listen von Fakten aufzuzählen oder durch spezifischen Fachjargon schwer verständlich zu werden.
Eine schnell an Bedeutung gewinnende Möglichkeit, solche Produkte und Vorgänge anschaulich zu präsentieren, ist der Einsatz von VR- und AR-Technologien.
Indem man die Kunden in eine ungewohnte Situation versetzt, ihnen ermöglicht, sich selbstständig mit dem Produkt zu beschäftigen und dabei nahezu alle Sinne anspricht, bleibt das Produkt durch das hoch emotionale Erlebnis dauerhaft im Gedächtnis.

Auf der WindEnergy Hamburg 2018 hat die Firmengruppe Max Bögl eindrucksvoll gezeigt, wie eine solche Präsentation mit VR-Brille aussehen kann. Mithilfe der Technologie veranschaulicht das Unternehmen den Aufbau der höchsten Windkraftanlage der Welt mit 178 Metern Nabenhöhe. Diese steht in Gaildorf (Baden-Württemberg) und ist Teil eines neuartigen Speicherkonzepts für erneuerbare Energien, der Wasserbatterie.

Mit dem Aufsetzen der VR-Brille werden die Kunden direkt an den Projektstandort versetzt. Der User startet seine Tour auf dem 40 Meter hohen Speicherbecken der Windkraftanlage, kann dort einen Spaziergang auf der Plattform machen, sich in das Pumpspeicherkraftwerk im Tal beamen und schließlich auf der Turbine 178 Meter in die Tiefe schauen. Das Windrad dreht sich dabei vor den Augen des Besuchers, während er kilometerweit über die detailliert nachgestellte Hügellandschaft blickt.

Im Interview mit TONNO DIGITALE erklärt Nancy Fürst, Head of Marketing der Max Bögl Wind AG, wie der Einsatz von VR in der Marketingstrategie funktioniert und gibt Tipps, wie Marketingverantwortliche eine erfolgreiche Kampagne gestalten können.

Frau Fürst, warum hat Ihr Unternehmen sich dazu entschieden, VR in seiner B2B-Marketingstrategie einzusetzen? Wer war an der Entscheidungsfindung beteiligt?
Nancy Fürst: Mit der virtuellen Realität können wir Kunden, Interessenten und Multiplikatoren direkt an den Projektstandort unserer Innovation führen, das Produkt schon vorab im fertigen Zustand präsentieren und damit einen Blick in die Zukunft gewähren.
Außerdem ist auch im B2B die Emotionalisierung von Produkten wertvoll im Kaufentscheidungsprozess. Emotionale Erlebnisse, wie zum Beispiel virtuell auf der weltweit höchsten Windkraftanlage zu stehen, bleiben stärker im Gedächtnis als Zahlen und Fakten.

Wie haben Sie mögliche Visualisierungsmöglichkeiten ausgewählt?
Fürst: Wir haben verschiedene Lösungen (AR, VR) getestet und waren von der realitätsnahen Wirkung der VR beeindruckt.

Wie haben Sie recherchiert und den passenden Dienstleister gefunden?
Fürst: Wir haben im Internet nach Dienstleistern mit hohem Erfahrungswert, guten Referenzen und Best Practice Beispielen gesucht. Drei Agenturen wurden besucht, dort VR-Lösungen ausprobiert und den für uns passendsten Dienstleister gewählt.

Messebesucher testen die VR-Brille Quelle: twitter.com/mbrenewablesAm Messestand der Max Bögl Wind AG können Besucher die VR-Brille testen

Wie haben Sie die Geschäftsleitung und andere interne Stakeholder davon überzeugt, die Technologien einzusetzen?
Fürst: Virtuelle Realität ist Technik, die begeistert. Den Kunden von jedem Ort der Welt aus direkt an den Projektstandort und auf die weltweit höchste Anlage schicken zu können, hat meines Erachtens die Geschäftsleitung überzeugt. Zudem bietet Virtuelle Realität eine ganz neue Möglichkeit der Vertriebsarbeit. Weg von stupiden Präsentationen, hin zu einem beeindruckenden Live-Erlebnis.

Wie lange hat das Projekt insgesamt bis zur fertigen Visualisierung mithilfe einer VR-Brille gedauert?
Fürst: Das Zeitfenster war sehr sportlich. Wir haben das Projekt, zusammen mit einer dazugehörigen App, innerhalb von vier Monaten umgesetzt.

Gab es Aspekte, die Sie im Realisierungsprozess überrascht haben?
Fürst: Nein.

Quelle: Max Bögl Wind AG
Die Max Bögl Wind AG präsentiert ihre Projekte in der Windenergiegewinnung

Gab es Anforderungen an Sie als Marketingverantwortliche, denen Sie so vorher noch nicht begegnet sind?
Fürst: Eigentlich nicht. Lediglich die Hardware aufzubauen und einzusetzen war zunächst gewöhnungsbedürftig, da es sehr sensible Geräte sind. Die Tricks für eine reibungslose Funktionalität mussten wir intern auch erst herausfinden.

In welchen Situationen setzt Ihr Unternehmen VR-Technologie sonst noch als Marketingtool ein?
Fürst: Der Haupteinsatz ist auf Messen und Konferenzen, allerdings nutzen wir die VR auch hausintern wenn Besucher kommen und wir die Gäste mit einem bleibenden Eindruck nach Hause schicken möchten.

War der Einsatz von VR erfolgreich in der Marketingkommunikation? Wie war das Feedback Ihrer Kunden?
Fürst: Bisher war jeder begeistert. Fast alle Nutzer hatten bisher das Gefühl, tatsächlich auf der Windkraftanlage zu stehen. Manche hatten Höhenangst, manche haben versucht etwas anzufassen, die wenigsten haben sich getraut einen Schritt über den Rand zu machen. Auf Messen hat sich unsere VR jedes Mal so stark herumgesprochen, dass Besucher ihre Kollegen, Vorgesetzten und eigene Kunden etc. geschickt haben, um die VR zu testen.

Ein ähnlich spektakulärer Blick bietet sich dem Besucher in der VR-SimulationQuelle: twitter.com/mbrenewablesEin ähnlich spektakulärer Blick bietet sich dem Besucher in der VR-Simulation

Werden Sie in Zukunft weiterhin auf VR und AR in der B2B-Marketingkommunikation setzen?
Fürst: Die Technologie steht noch relativ am Anfang. Es wird sicher noch wesentlich umfangreichere Einsatzmöglichkeiten in der Zukunft geben. Natürlich werden wir dieses, so erfolgreiche, Marketingtool künftig weiter nutzen. Interessant ist auch der Einsatz für virtuelle Meetings. Man kann sich in einem virtuellen Raum treffen, Produkte digital präsentieren und das Gefühl vermitteln, an einem anderen Ort zu sein. Das wäre ein spannendes nächstes Thema.

Welche Tipps geben Sie B2B-Marketeers mit auf den Weg, die ebenfalls ein VR-Projekt umsetzen wollen?
Fürst: Wichtig ist die Qualität der VR. Man muss bereit sein, etwas Budget in eine hochwertige, gut aufgelöste und durchdachte VR zu investieren. Wenn die VR nicht realitätsnah ist und dem Kunden keine relevanten Inhalte zeigt, macht es keinen Sinn, dafür Geld auszugeben.

Management Summary:
Der Einsatz von VR bietet sich gerade in Branchen an, deren Produkte komplex und nicht konkret vermittelbar sind, wie das Beispiel der Wind-Wasserbatterie der Max Bögl Wind AG zeigt. Statt trockene Daten und Fakten abzuspulen, überzeugen Unternehmen so mit einer emotionalen Präsentation, die Sensationswert hat und die Kunden mit Sinnesempfindungen anspricht.

Es lohnt sich, in eine gut aufbereitete und sinnvoll konzipierte VR zu investieren, um einen realitätsnahen Effekt zu erzielen und die Kunden so zu begeistern. Gelingt es, eine aufsehenerregende Präsentation des Produkts auf die Beine zu stellen, verankert dies das Unternehmen im Gedächtnis der Kunden und sorgt gerade auf Messen und Kongressen für Aufmerksamkeit.

Nancy FürstQuelle: Max BöglNancy Fürst ist Head of Marketing bei der Max Bögl Wind AG

Über Nancy Fürst:
Nancy Fürst begann 2016 für die Firmengruppe Max Bögl zu arbeiten. Sie ist verantwortlich für die Planung und Umsetzung der Marketingstrategie der Max Bögl Wind AG und ist Ansprechpartnerin für die gesamte Pressearbeit des Bereichs Erneuerbare Energien. Zuvor war sie in einer Produktmarketing Agentur als Beraterin für kleine und mittelständische Firmen tätig. In den Jahren 2008 bis 2013 arbeitete sie in einem familiengeführten Bauunternehmen und war dort zunächst für die Umsetzung des Corporate Designs und die Durchführung von Marketingmaßnahmen zuständig. Sie leitete dort später die internationale Vermarktung von Anlagentechnik im Bereich Photovoltaik.

Das Interview führte Friederike Sajdak

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